Rezension: Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte

Wenn man einmal festgestellt hat, dass man eine Autorin großartig findet, dann hat man sicher keinen objektiven Blick mehr auf ihre neuen Bücher. Aber wenn einen dann das neue Buch emotional so sehr anspricht wie das Buch „Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte“ von Kirsten Boie, dann muss es einfach ein tolles Buch sein.

Wer nimmt den kleinen Fuchs auf?

Nach einem Feuer im Wald ist der kleine Fuchs ganz alleine. Alle Tiere haben eine Ausrede, warum sie sich nicht um ihn kümmern können, nur Mama Reh bringt es nicht übers Herz, den Fuchs alleine zu lassen. Sie nimmt ihn in ihrer Familie auf und gibt ihm den Namen Blau-Auge. Blau-Auge ist froh, dass er nicht mehr alleine ist und versucht ein gutes Reh zu sein. Eines Tages verschwindet eine kleine Maus und sofort ist der Verdacht da, dass Blau-Auge etwas damit zu tun hat, denn immerhin ist er ja ein Fuchs. Mama Reh schickt ihn fort und Blau-Auge ist wieder alleine. Am Ende kann er dann aber doch noch allen beweisen, dass er zu seinen Freunden steht.

Wunderschön erzählt

Das Buch wird aus der Sicht der Tiere erzählt. Das Verhalten der Menschen, in dem Buch Zweifüßler genannt, ist für sie nicht zu durchschauen. Die Perspektive der Tiere wird das ganze Buch über eingehalten und es macht Spaß den Wald und ihre Bewohner so wahrzunehmen (und dabei das eine oder andere menschliche Verhalten zu hinterfragen). Ganz wunderbar in diesem Buch ist Kirsten Boies Erzählweise. Sie spricht die Leserin und den Leser direkt an und erzählt so, als würde man direkt vor ihr sitzen. So kommt richtige Vorlese- und Erzählstimmung auf. Ich mag die Sprache in dem Buch wirklich sehr gerne.

Große Emotionen: Alleingelassenes Kind

Mich hat das Buch sehr tief angesprochen. Manche Stellen habe ich mehrfach gelesen, einmal mit meinem Sohn und später dann noch mal alleine, da er das Buch alleine zu Ende gelesen hat. Jedes Mal trifft mich die Stelle, an der Blau-Auge von der eigentlich sympathischen Mama Reh weggeschickt wird, sehr und meine Augen werden feucht. Ich sehe in Blau-Auge ein armes, allein gelassenes Kind, das zwar zu Beginn der Geschichte von einer Pflegefamilie aufgenommen wird, aber dann bei Schwierigkeiten dort nicht die nötige Unterstützung bekommt. Ein Kind, das wieder alleine gelassen wird. Ein Kind, das nur auf Grund seiner Vorgeschichte oder in diesem Fall seiner Herkunft verdächtigt wird. Ein Kind, das stigmatisiert ist. Und das schlimme daran ist, dass dies nicht nur eine Geschichte in der Tierwelt ist, sondern, dass genau solche Geschichten immer wieder bei uns Menschen passieren.

Spiegel der Gesellschaft

Das Buch enthält viele Parallelen zur Gesellschaft. Man kann in den Vordergrund stellen, dass man offen gegenüber Menschen sein sollte, die aus irgendeinem Grund anders sind. Auch Vorurteile oder aber auch Freundschaft und Solidarität können einen Schwerpunkt sein und es geht auch darum, dass man sich nicht verbiegen kann. Gerade durch unterschiedliche Stärken und Talente kann man sich miteinbringen und an der passenden Stelle einen Beitrag zum gelingenden Zusammenleben leisten.  Für mich persönlich ist es eine Pflegekindgeschichte, in die natürlich die anderen Punkte mit hinein spielen.

Schöne Botschaften für Kinder

Das Schöne an dem Buch ist, dass es zwar viele gesellschaftlichen Dinge anspricht, aber dennoch gleichzeitig einfach ein wunderschönes Vorlesebuch in der Welt der Tiere ist. Kinder müssen nicht allen angesprochenen Sachen nachgehen und die Geschichte zerreden. Sie werden aber auf jeden Fall viele Botschaften aus der Geschichte mitnehmen, unbewusst und bewusst. So kommt einerseits zum Beispiel ganz klar heraus, dass man einen Freund nicht im Stich lässt, und andererseits werden Kinder spüren, dass es unfair ist, den Fuchs zu verdächtigen nur weil er ein Fuchs ist.

Ich finde dieses Buch wunderbar und empfehle und verschenke es gerne weiter, aber ich finde, dennoch, dass der Titel eigentlich nicht so ganz passt. Möchte der Fuchs wirklich ein Reh sein? Er ist glücklich, dass er von Mama Reh aufgenommen wurde und nicht alleine ist, er sieht die Rehkinder als Brüder und Schwestern oder zumindest als Freunde, aber er sehnt sich danach wieder bei seiner Fuchs Familie zu sein.

Das Buch eignet sich prima zum Vorlesen. Es enthält auch farbige Bilder.

Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte von Kirsten Boie, Oetinger Verlag, ISBN: 978-3-7891-0953-9, 16€

Hier findet ihr übrigens auch noch die Meinung vom Bücherzwerg zu diesem Buch.

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