Rezension: Pass bloß auf deinen Daumen auf!

Ihr wisst ja, ich mag den Verlag Edition Pastorplatz und seine Bücher wirklich total gerne. Trotzdem dauert es manchmal ewig bis ich manche Bücher vorstelle. Woran das liegt? Dass sie mich zum Nachdenken bringen und ich dann gar nicht so richtig weiß, was ich dazu sagen soll. Das passiert mir bei diesem Verlag öfter und ein paar dieser Bücher warten noch auf ihre Vorstellung, die natürlich noch folgen wird.

Ein Buch, das mich sehr beschäftigt, stelle ich euch heute nun vor: Pass bloß auf deinen Daumen auf!

Inhalt: Mobbing

In dem Buch geht es um Mimi, aus deren Sicht die Geschichte auch erzählt wird. Sie geht in die zweite Klasse. Gemeinsam mit ein paar anderen Kindern bewältigt sie den Schulweg. Alles so weit ganz gut, aber dann widerspricht sie eines Tages dem selbsternannten Chef der Kinder. Seitdem finden sich Sachen von ihr im Müll wieder und sie wird von den Jungs geschubst. Es wird immer schlimmer und Mimi hat Angst.

Auch wenn Mama sagt, dass sie sich wehren soll, geht das nicht, denn man darf nicht zurück schlagen, sonst muss man auf der roten Bank sitzen. Der Rat der Lehrerin ist auch nicht so hilfreich, denn aus dem Weg gehen funktioniert leider nicht so einfach. Aber zum Glück ist da noch Opa. Er war früher Boxer und zeigt Mimi, wie sie zuschlagen muss, wenn sie wieder angegriffen wird. Wichtig ist es dabei, auf den Daumen aufzupassen. Und Opa verspricht ihr, dass er sich zu ihr auf die rote Bank setzen wird.

Mit all diesem Wissen geht Mimi am nächsten Tag erhobenen Kopfes in die Schule und die Jungs lassen sie von da an in Ruhe.

Ein Buch, das zu Gesprächen auffordert

Das Buch beinhaltet ein äußerst wichtiges Thema, über das unbedingt viel mehr mit den Kindern gesprochen werden muss. Dieses Buch leistet einen guten Beitrag dazu und es lässt sich ganz wunderbar für Gespräche einsetzen. Es ist ein Buch, das geradezu zu weiterführenden Gesprächen auffordert. Und ich finde auch, dass es hier auf keinen Fall bei der Lektüre bleiben sollte. Das Thema Mobbing ist sehr komplex und keinesfalls leicht zu lösen. Und durch die Komplexität gibt es auch in diesem Buch kleinere Schwächen, die in Gesprächen aufgefangen werden sollten.

Starke Darstellung von Mimis Gefühlen

Besonders gut gefällt mir an dem Buch, dass es aus der Sicht von Mimi erzählt wird. Die Texte sind kurz und die Bilder sind auf das Wichtigste reduziert. Auf diese Weise bekommt man sehr viel von Mimis Gefühlen mit. Man merkt, wie beschämend es ist, wenn die eigenen Sachen im Müll landen. Man fühlt ihre Hilflosigkeit. Auch wenn es in dem Buch darum geht, das Selbstbewusstsein von Mobbingopfern zu stärken, so ist es in Wirklichkeit ein Buch für alle, denn es ist unglaublich wichtig, dass Kinder erfahren, was Mobbing mit einem Kind macht. Das ist den Kindern gar nicht immer so bewusst.

Große Hilflosigkeit beim Thema Mobbing

Es ist unglaublich schwer eine Lösung für Mobbing zu finden, was sich in dem Buch auch sehr gut an den Reaktionen von der Mutter und der Lehrerin zeigt. Sie geben nur eine hilflose allgemeine Antwort. Grundsätzlich sind ihre Ansätze ja auch gar nicht falsch, aber sie helfen Mimi hier gar nicht weiter. Ja, natürlich weiß sie, dass sie sich wehren sollte, aber sie möchte auch selbst keine Strafe riskieren. Das ist ja leider in der Realität meistens so. Mein Sohn ließ sich früher auch vieles gefallen, die Erzieherinnen ermutigten ihn dazu, sich zu wehren und zurück zu schubsen. Wenn er es dann aber tat, bekam er Ärger, was für ihn unglaublich schlimm war. Sehr paradox das Ganze. Auch aus dem Weg gehen ist eine logische Lösung, die Kinder sicherlich zum Teil automatisch anwenden, aber sie hilft eben auch nur bedingt. In dem Buch flieht Mimi aufs Klo und versteckt sich dort, aber die Jungs warten davor, bis sie rauskommt. Gut, dass sich dann der Opa des Problems annimmt. Es ist so wichtig, dass Kinder sich jemanden anvertrauen und Hilfe bekommen. Es ist realistisch und auch in gewisser Weise gut, dass man hier merkt, dass man manchmal mehrere Menschen fragen muss, aber andererseits kann es Kindern auch vermitteln, dass Lehrer:innen einem eh nicht helfen. Das finde ich etwas schade. Aber wie ich bereits sagte, ich halte ein Gespräch mit Kindern zu diesem Buch sehr wichtig. Da kann man darauf ja auch noch einmal eingehen.

Lösung: Selbstbewusstsein

Kommen wir zu dem Punkt mit dem Selbstbewusstsein. Einerseits natürlich die richtige Lösung des Problems, aber andererseits empfinde ich es in der Konstellation des Buches auch nicht als ganz unproblematisch. Ja, wer sich selbstbewusst gibt, der wird nicht so schnell von anderen geärgert. Das ist sicherlich richtig und auch eine wichtige Botschaft an die Kinder. Aber ich glaube, dass dies mehr präventiv wirkt, als in der hier gezeigten Situation. Selbstbewusstsein schützt davor, zum Mobbingopfer zu werden, aber kann man es auch so schnell aufbauen, um aus so einer Situation zu kommen?

Es ist klar, dass in einem Bilderbuch eine Lösung einfacher ist, als in der Realität. Dafür ist das Thema auch zu komplex, aber ich finde es schon etwas sehr einfach (auch wenn es von der Erzählung und den Erwartungen der Leser:innen her schon ein toller Clou ist). Von einem Tag auf den anderen ist Mimi so selbstbewusst, dass gleich vier Jungen auf einmal ihre Köpfe senken?

Niemand ist daran Schuld, gemobbt zu werden!

Ein Problem, das ich in dieser Lösung sehe, ist, dass hier vermittelt wird, dass das Kind sich ändern und anders geben muss, um das Mobbing zu beenden. Nur wer selbstbewusst ist und mit erhobenem Kopf durch die Schule geht, wird nicht geärgert. Aber nicht jedes Kind kann dieses Selbstbewusstsein aufbauen. Und an dem Kind und seinem Verhalten ist auch absolut nichts falsch. Es sind die anderen, die sich anders verhalten müssen. Andererseits gibt man natürlich hier dem Kind eine Hilfe, wie es selbst aus der Situation kommen kann, wenn niemand anderes eingreift. Dennoch sehe ich hier eigentlich eher andere Menschen in der Pflicht etwas zu tun, als das Kind selbst.

Ein bisschen schwierig finde ich aus ähnlichen Gründen übrigens den Beginn des Mobbings. Es gibt einen Auslöser durch Mimi selbst. Sie widerspricht Florian, von dem sie selber weiß, dass er sich als Chef fühlt. Hier führt sie sich im Übrigen ja auch schon recht selbstbewusst auf. Häufig hat Mobbing aber gar keinen Grund. Die Mobbingopfer können nichts dafür, dass es sie trifft. Mimi hat hier rein gar nichts falsch gemacht, aber dennoch kann der Gedanke aufkommen, dass es nicht zu dem Mobbing gekommen wäre, wenn sie sich anders verhalten hätte. Kindern muss aber ganz klar sein, dass an ihnen und ihrem Verhalten nichts verkehrt ist, wenn sie von anderen gemobbt werden. Denn diesen Gedanken werden viele Kinder haben.

Eigene Erfahrungen mit Mobbing

Warum hat mich nun dieses Buch so nachdenklich gemacht? Sicher, dass Thema Mobbing ist ein schwieriges, aber wichtiges Thema, das auch vor Kindern nicht halt macht, aber das ist noch nicht alles. Zum einen ist Mobbing eines der Themen, vor denen man sich als Eltern immer fürchtet, auch wenn es gerade überhaupt keinen Anlass zur Sorge gibt. Und zum anderen wurde ich als Kind selber gemobbt, allerdings war ich da schon deutlich älter als Mimi.

Mein großer Sohn hat neulich gehört, wie ich für Instagram eine Story zu diesem Buch aufgenommen habe, in der ich erwähnt habe, dass ich von Mobbing betroffen war. Er war ganz erstaunt und wunderte sich, dass ich ihm das noch nie erzählt habe.

Nein, das habe ich nicht. Denn ich spreche kaum darüber. Es ist ein Thema, das tief in einem sitzt und das heute noch viel mit einem macht. Man schämt sich dafür. Man denkt, es muss einen Grund dafür gegeben haben. Irgendwie war man halt doch immer schon komisch. Und ist es wohl auch immer noch. Warum sonst spricht Mutter X nur mit Mutter Y im Kindergarten und nicht mit mir? Und wieso fragt mich niemand, ob ich bei einer bestimmten Aktion mitmachen möchte? Überall ahnt man eine Ausgrenzung und schließt dann sofort daraus, dass man sich wohl nicht richtig verhalten hat.

Wichtige Botschaft: Die Mobber sind Schuld an der Situation

Und genau deswegen denke ich, dass Kindern unbedingt vermittelt werden muss, dass es nicht an ihnen liegt. Sie sind nicht selbst Schuld am Mobbing. Egal, wie unsicher, schüchtern, überdreht, dick, dünn oder was auch immer sie sind. Das Verhalten der Mobber ist falsch und nicht ihr eigenes. Jeder kann so sein wie er möchte. Dafür muss er nicht geärgert werden.

Aber aus dieser Erfahrung heraus und dem Gefühl, dass ich immer noch in mir herum trage, finde ich es auch grandios, wie gut hier Mimis Gefühle transportiert werden, gerade das Gefühl der Demütigung und Scham. Man kann hier sehr gut nachvollziehen, wie Mimi sich fühlt, als sie ihre Sachen im Müll wiederfindet. Nein, genau das ist mir nicht passiert, aber es ist vergleichbar. Und daran, dass ich selbst jetzt nicht näher darauf eingehen möchte, merkt man, dass es einfach unglaublich beschämend ist.

Was wäre, wenn Mimi dem Rat von Opa gefolgt wäre?

Es gibt auch noch eine weitere Sache, die mich an diesem Buch sehr beschäftigt. Und zwar folgende Frage: Was wäre, wenn Mimi tatsächlich zugeschlagen hätte? Bei dem Training mit ihrem Opa hätte man ja durchaus damit rechnen können. Beim ersten Lesen konnte ich gar nicht glauben, was der Opa da mit Mimi machte. Man kann doch in einem Kinderbuch nicht zur Gewalt aufrufen! Mimi schlägt dann zwar nicht, sondern es stärkt ihr Selbstbewusstsein, aber der Opa fordert sie ja dazu auf, zu zuhauen, wenn sie wieder angegriffen wird.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger schlimm fände ich es tatsächlich. Wahrscheinlich ist das jetzt absolut unpädagogisch und falsch, aber ja, mittlerweile denke ich, dass es okay ist, zurückzuhauen, wenn man bedrängt und angegriffen wird. Ich bin absolut gegen Gewalt und vermittel auch meinen Kindern, dass Gewalt immer falsch ist, aber was soll ein Kind machen, insbesondere wenn es körperlich gemobbt wird? Sich schlagen lassen? Ja, ich würde auch erst mal sagen, ‚geh weg‘, ‚such dir Hilfe“ oder ähnliches, aber das ist nicht immer möglich. Und manchmal hört das Mobbing einfach nicht auf und letztendlich ist es das gute Recht des Kindes sich zu wehren.

Eine mir sehr nahestehende Person hat mir mal erzählt, dass sie sich als Kind mal geprügelt hat. Ich, die niemals auf die Idee kommen würde, zuzuschlagen, war echt entsetzt. Aber die Person berichtete dann, dass sie immer von einem Kind geärgert wurde. Einmal hat sie dann ordentlich zurückgeschlagen, dafür auch Ärger von der Schule und den Eltern bekommen, aber danach war Ruhe. War es da nicht richtig, mal ein Zeichen zu setzen? Sicherlich kann man kein Bilderbuch herausbringen, in dem am Ende Gewalt die Lösung ist, aber die Frage wirft es dennoch auf, und man ist aufgefordert sich dieser Frage zu stellen.

Ich selbst hätte übrigens niemals zugeschlagen. Ich war in der Situation zwar schon deutlich älter und da kommt es wohl noch weniger in Frage, aber auch in Grundschulzeiten hätte ich es auch mit Ermutigung eines Opas nie getan. Und das hätte ich auch gewusst, so dass vermutlich auch das Selbstbewusstsein nicht so einfach gestärkt worden wäre. Aber ich sagte ja bereits, dass das Thema sehr komplex ist und es ganz bestimmt keine Einheitslösung dafür gibt.

Fazit: Wichtiges Buch!

Ich finde das Buch „Pass bloß auf deinen Daumen auf!“ sehr wichtig. Besonders gefällt mir, wie hier die Gefühle eines gemobbten Kindes dargestellt werden, was hoffentlich viele Kinder für dieses Thema sensibilisiert. Das Ende ist überraschend und eindrucksvoll. Es bringt den Punkt des Selbstbewusstseins mit ein, der sicherlich eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit Mobbing spielt. Wichtig finde ich aber, dass das Buch nicht einfach so stehen bleibt. Außerdem wäre es bei diesem komplexen Thema gut, mehrere Bücher dazu zur Hand zu nehmen, um verschiedene Perspektiven und Möglichkeiten aufzuzeigen.

Pass bloß auf deinen Daumen auf! von Elena Prochnow, Edition Pastorplatz, ISBN: 978-3-943833-48-5, 14 €

Weiteres Bilderbuch zu dem Thema: Tomatenrot: oder Mobben macht traurig

Hier möchte ich zum Beispiel auf „Tomatenrot: oder Mobben macht traurig“ (von Jan De Kinder, atlantis Verlag) hinweisen. Erzählt wird in diesem Buch aus der Perspektive eines Mädchens, das das Mobben beobachtet und zunächst geschehen lässt. Am Ende zeigt sich hier aber, dass es wichtig ist, den Mund aufzumachen und nicht zu schweigen. Ist einmal das Schweigen gebrochen, schließen sich viele außenstehende an und der Mobber verliert seine Macht. In diesem Bilderbuch wird aufgezeigt, wie andere ein Kind, das gemobbt wird, unterstützen können. Mir gefällt hier sehr gut, dass das Kind Hilfe von außen bekommt, und das gezeigt wird, wie mächtig eine Gruppe sein kann, wenn sie zusammenhält.

2 Gedanken zu „Rezension: Pass bloß auf deinen Daumen auf!

  • 15. Oktober 2021 um 10:05
    Permalink

    Es scheint, als ob “Pass auf deine Daumen auf” frischen Wind zu diesem Thema in die Kinderliteratur bringt. Ein Alleinstellungsmerkmal des Buches und bringt viele Anregungen zum Nachdenken vor allem zu körperlich Wehren.

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