Samia Yusuf Omar – Eine besondere Geschichte in einer Graphic Novel

Geht es euch auch so, dass euch schlimme Schicksale andere Menschen sehr nahe gehen, seitdem ihr eigene Kinder habt? Natürlich fand ich es schon immer schlimm und traurig, wenn Menschen, insbesondere Kinder, Krieg, Gewalt, Hunger o.ä. erleiden mussten, aber seit mein erster Sohn auf der Welt ist, kann ich solche Meldungen nur sehr schwer ertragen und ich lese auch keine Bücher mehr, die solche Schicksale thematisieren. Viele solcher Bücher sind aber wichtig, um die Menschen aufzurütteln und um die Augen und Herzen zu öffnen. Dies trifft umso mehr zu, wenn es um aktuelle Themen geht und man den Blick auf gewisse Dinge schärfen kann.
Auf AstroLibrium werden sehr viele wichtige Bücher vorgestellt. Hier denke ich vor allem an Bücher „Gegen das Vergessen“, zu denen auch Bücher gehören, die sich z.B. mit den Schicksalen von Flüchtlingen beschäftigen. Ja, oftmals werden in den vorgestellten Büchern Einzelschicksale vorgestellt, aber genau diese Bücher sind so unglaublich wichtig, denn durch sie blickt man nicht nur auf eine anonyme Masse von Menschen, sondern man sieht die einzelnen Menschen. Dann geht es nicht mehr um irgendwelche Zahlen, um „die Flüchtlinge“ oder „die Syrer“, nein, es geht um einzelne Menschenleben. Und so wird einem wieder bewusst, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist und was für individuelle Geschichten hinter einer Flucht stehen. Empathie und Menschlichkeit können durch Bücher geweckt werden und unser Blick für die einzelnen Menschen wird geschärft. Nie dürfen wir vergessen, dass es in den Booten oder in den LKWs um Menschen geht, um Menschen, die alle ihre eigene Geschichte haben.
Erst von Arndt habe ich über AstroLibrium vom Schicksal Samias erfahren, die ihren Traum bei den Olympischen Spielen in London mit ihrem Leben bezahlen musste. Diese wahre Geschichte hat mich unglaublich betroffen gemacht. Wie bereits geschrieben, berühren mich solche Schicksale sehr und eigentlich mache ich zur Zeit einen Bogen um entsprechende Bücher, aber Arndt hat mich neugierig auf diese spezielle Geschichte gemacht. Außerdem ist es mir wichtig, den Blick auf die Menschen zu lenken, auf die die Menschen, die ihr Leben auf der Flucht und in den Booten riskieren, denn ich habe das Gefühl, dass sie viel zu oft nicht als einzelne Individuen wahrgenommen werden. Die Empathie geht zunehmend verloren. Man hört nur noch die Zahlen von den Menschen, die es nicht geschafft haben, und macht sich gar keine Gedanken mehr darüber, wer diese Menschen sind und was sie antreibt. Ich möchte aufmerksam machen auf das Schicksal von Samia Yusuf Omar, die den Traum bei Olympia 2012 zu starten nicht aus den Augen verlor und dafür ihr Leben lassen musste.
Bei AstroLibrium wurde ich aufmerksam auf das Jugendbuch „Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“, welches Arndt nun auf die Wanderschaft geschickt hat. Verschiedene Bewohner des Campus Libris nähern sich in den nächsten Wochen dem Leben von Samia.

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2008 darf Samia für ihr Land Somalia bei den Olympischen Spielen in Peking starten. Sie strebt eine erneute Teilnahme bei den Olympischen Spielen in London an, doch in ihrem Heimatland kann sie im Prinzip nicht trainieren. Die radikalislamistische Miliz Al Shabaab verbietet es Frauen zu laufen. Samia sieht sich vielen Bedrohungen ausgesetzt. Um ihren Traum dennoch zu verwirklichen, muss sie ihr Zuhause verlassen, doch auch in Äthopien lässt man sie nicht trainieren. Ihr bleibt nur der Weg nach Europa, doch dieser ist schwierig und gefährlich. Samia wagt diesen Schritt trotz großer Angst dennoch. Ihre Flucht ist nicht einfach, immer wieder gilt es Gefahren zu überwinden. Doch dann sitzt sie in einem viel zu kleinem Schlauchboot, auf dem Weg zu ihrem Ziel, auf dem Weg nach Europa. Diese Überfahrt überlebt sie nicht. Sie ertrinkt im Mittelmeer.
Gerade hat das Buch „Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“, eine Graphic Novel, bei mir Station gemacht. Ich muss zugeben, dass ich kein großer Comic-Fan bin und ich mich mit dem Genre der Graphic Novel bisher noch nicht auseinandergesetzt habe. Aber vielleicht war das in diesem Fall auch von Vorteil, denn dadurch konnte ich eine gewisse Distanz zu der Geschichte bewahren. Zunächst fiel es mir durch den Comic schwer, mich in die Geschichte Samias hineinzufühlen, aber am Ende des Buches hatte ich dennoch einen dicken Kloß im Hals. Das Buch drückt nicht auf die Tränendrüse, es agiert nicht nach dem Motto „schaut euch mal die armen Flüchtlinge an“, aber es zeigt in einer Abfolge verschiedener Szenen ganz klar auf, wie die Welt Samias aussieht. Und dabei kommt im ganzen Buch die Gefahr und das Bedrückende und Beklemmende ganz klar herüber, denn überall lauern Männer mit Waffen, die Strecke der Flucht ist unerträglich lang und die Angst spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen. Mir fällt es oft sehr schwer etwas aus Bildern heraus zu lesen, aber man bekommt in diesem Buch doch erstaunlich viel mit, insbesondere von den Gefühlen und der Atmosphäre.
Je länger man sich mit dem Buch beschäftigt, desto mehr fällt einem auf, wie viel in dem Buch und in der Geschichte steckt. Geradezu symbolisch wirkt die dünne Samia in dem weiten T-Shirt, in dem sie den Lauf bei den Olympischen Spielen absolviert. Sie hat nicht die gleichen Startbedingungen wie die anderen Athletinnen, nicht im Sport und nicht im Leben.
Nach der Lektüre des Buches möchte man mehr wissen und man würde die Welt so gerne ein bisschen besser machen. Beim Lesen des Buches kamen bei mir letztendlich recht wenige Emotionen auf, weniger als ich gedacht hätte, aber dafür bleibt das Buch bei einem hängen. Es lässt einen nicht los und auch im Nachhinein drängen sich einem die Bilder aus dem Buch immer wieder auf.
Der Traum von Olympia“ ist ein wichtiges Buch, auch dafür um sich selbst stark zu machen für Menschen die Hilfe brauchen und um auch andere davon zu überzeugen. Die gewählte Form macht es auch Jugendlichen möglich sich der Geschichte Samias zu nähern. In Begleitung mit einem Erwachsenen können auch ältere Kinder ab etwa 10/12 Jahren die Geschichte von Samia verarbeiten. Ich hoffe, dass sich viele Eltern mit ihren Kindern dieses Buch gemeinsam anschauen. Kinder bekommen schon viel von der Flüchtlingsthematik mit, sei es über die Nachrichten oder in der Schule. Aber um das Ganze emotional besser erfassen zu können, ist es für sie wichtig, das Thema nicht bei abstrakten Nachrichten zu belassen, sondern es mit konkreten Geschichten zu verbinden. Nur so haben sie die Möglichkeit sich mit den Menschen, die ehrlich Hilfe suchen, verbunden  zu fühlen, menschlich und auch im Gebot der Nächstenliebe zu handeln, dem neuen Flüchtlingskind in der Klasse die Hand zu reichen und sich Fragen wie „Was wäre, wenn mir so etwas passieren würde?“ zu stellen.
Man könnte nun natürlich sagen, dass es sich bei Samia, einer Sportlerin, um eine besondere Geschichte mit einem besonderen Ziel handelt. Ja, sicher, aber dennoch steht Samia letztendlich für die vielen hilfesuchenden Menschen mit ihren Hoffnungen, Träumen und Zielen, für die sie ihr eigenes Leben riskieren. Hinter jedem Menschen auf einem Boot steckt eine Geschichte voller Gefahren einerseits und Hoffnungen andererseits. So sitzen auch neben Samia viele weitere Menschen in dem Boot, Kinder, Frauen und Männer. Es sind kostbare Menschenleben, die es wert sind gerettet zu werden!
Das Buch „Der Traum von Olympia“ wird nun zur nächsten Bewohnerin des Campus Libris reisen, doch Samia und ihre Geschichte wird mich dennoch weiterhin begleiten.

Der Traum von Olympia

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar von Reinhard Kleist, Carlsen, ISBN: 978-3-551-73639-0, 17,90€
HIER findet ihr den Artikel zu dem Buch auf AstroLibrium.
Anja schreibt in Zwiebelchens Plauderecke ebenfalls über ihre Eindrücke zu dem Buch.

11 Gedanken zu „Samia Yusuf Omar – Eine besondere Geschichte in einer Graphic Novel

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