Kinderbücher zum Thema Scheidung und Trennung
(Rezensionsexemplare) Es kommt durchaus nicht selten vor, dass sich Eltern trennen. Eltern trennen sich, entscheiden das für sich, aber die Kinder sind mindestens genauso betroffen – egal, ob sie es möchten oder nicht. Und unabhängig davon, wie vernünftig und friedlich die Eltern das weitere Vorgehen planen, es stehen auf jeden Fall Veränderungen für die Kinder an. Das löst Unsicherheit und Fragen aus. Es wird ein Thema sein, dass die Kinder unweigerlich beschäftigen wird und da kann es durchaus hilfreich sein, wenn man ein passendes Buch hat, das einen dabei begleitet. Das können Ratgeber, aber auch Geschichten sein, in denen es Kindern ähnlich geht. Drei Bücher dazu möchte ich euch nachfolgend vorstellen.
Kinder-Ratgeber “Meine Eltern trennen sich und ich hab tausend Fragen”
In dem Buch „Meine Eltern trennen sich und ich hab tausend Fragen“ werden die Fragen, die viele der Kinder haben werden, direkt gestellt und natürlich auch in einem Text beantwortet. Eingeteilt ist das Buch in vier große Kapitel: „Meine Eltern wollen sich trennen“, „Papa zieht aus“, „Wenn Scheidung Alltag wird“ und „Neue Familien und andere komplizierte Sachen“. Die Fragen sind dann zum Beispiel „Warum lassen sich Menschen scheiden?“, „Kann ich selbst entscheiden, wo ich wohnen möchte?“, „Werden wir dann noch genug Geld haben?“, „Wer liebt mich mehr, mein Vater oder meine Mutter?“, „Muss ich meiner Mutter erzählen, wie mein Vater so lebt?“, „Warum kommt Papa nicht zu meinem Geburtstag?“ und „Was kann ich tun, wenn ich den neuen Freund meiner Mutter nicht mag?“
Einfühlsame Antworten
Die Antworten sind einfühlsam und kindgerecht. Es wird viel auf die Gefühle, die in einem Kind nun vermutlich aufgewühlt werden, eingegangen. Kinder werden hier gestärkt und ihnen wird Mut zugesprochen und gleichzeitig wird ihnen die Verantwortung für die Situation abgenommen. Mir gefällt zum Beispiel die Antwort auf die typische Frage „Bin ich Schuld am Streit oder an der Trennung?“ sehr gut. Kinder stellen sich diese Frage und fühlen sich schnell schuldig. Da erreichen sie auch nicht unbedingt die Worte „du bist nicht Schuld daran“. Aber hier wird es schön anschaulich beschrieben: „Wenn sich zwei um ein iPad streiten, kann ja das iPad nichts dafür. Die Ursache liegt immer bei den Streitenden.“ An vielen Stellen wird betont, dass es nicht die Aufgabe der Kinder ist, sich um die Probleme der Eltern zu kümmern, und dass sie sagen dürfen, wie es ihnen geht, auch wenn das die Eltern traurig macht.
Collagenartige Fotos als Illustrationen
Illustriert ist das Buch mit Fotos, die collagenartig zusammengebaut sind. Die Bilder zeigen zwar durchaus Situationen, aber eher abstrakt, fantasievoll oder abgewandelt, so dass man sie vor allem fühlen kann. Mal zeigen sie aber auch Kinder, die nebeneinander sitzen, sich zuhören und füreinander da sind, oder einen bunten Stern von liegenden Menschen, die symbolisieren, was eine Familie sein kann. Insgesamt visualisieren sie sehr gut, das Gefühlschaos und das Hin und Her gerissen sein.
Ganz am Ende des Buches beantworten Kinder selbst Fragen wie „Was hast du als Erstes gedacht, als deine Eltern dir von der Trennung erzählt haben?“ Das ist sehr authentisch und zeigt Kindern, dass sie mit ihren Gedanken nicht alleine sind.
Mir gefällt das Buch sehr gut. Es werden viele Fragen von Kindern beantwortet. Sie werden hier ernst genommen und können sich mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen, auch gerade dann, wenn sie sich nicht trauen, jemandem diese Fragen zu stellen. Auch für Eltern kann dieses Buch hilfreich sein, alleine um sich bewusst zu machen, welche Fragen und Sorgen bei Kindern entstehen können.

Meine Eltern trennen sich und ich habe tausend Fragen von Jan von Holleben, Arne Jørgen Kjosbakken und Dialika Neufeld, Gabriel Verlag, ISBN: 978-3-522-30619-5
Kinder-Ratgeber “Vorsicht, frisch geschieden!”
Auch das Buch „Vorsicht, frisch geschieden! Ein Survival-Buch für Trennungskinder“ ist ein Ratgeber für Kinder. Es ist in die Kapitel „Vor der Scheidung“, „Die Scheidung“ und „Nach der Scheidung“ eingeteilt. Außerdem gibt es am Ende noch wichtige Stichwörter und nützliche Adressen.
Zusammenarbeit mit Scheidungskindern
An diesem Buch gefällt mir sehr gut, dass sich dieses Buch ebenfalls eindeutig an die Kinder wendet. Die Autorin Frauke Angel, selbst Scheidungskind, hat dafür mit vielen Scheidungskindern zusammengearbeitet und diese zu Wort kommen lassen.
Das Buch ist in einem ansprechenden, lockeren Erzählton geschrieben. Dabei werden die Lesenden direkt angesprochen. Alles wird kindgerecht erklärt und wenn Sachen mal schwierig zu verstehen sind und es eigentlich keine klare Antwort zu etwas gibt, wird auch das offen angesprochen. Zwischendurch kommen immer wieder Aussagen und Erzählungen von Kindern. Außerdem gibt es Doppelseiten zu interessanten Fakten Rund um die Ehe oder die Scheidung.
Ehrlich, aufklärend und Kinder ernst nehmend
Das Buch ist sehr locker aufgebaut, nimmt dabei die Kinder aber dennoch sehr ernst. Ich finde den hier angeschlagenen Ton sehr passend. Kinder erfahren das, was sie wissen möchten, aber es ist keine trockene Lektüre. Auch wenn die „Top Ten der Scheidungsgründe“ aufgezählt werden, wird hier nicht nur eine Liste gemacht, sondern es wird wieder mit Erzählungen von Kindern ergänzt. Es geht hier nicht nur um irgendwelche Fakten, sondern darum, dass hinter diesen Fakten erlebte Geschichten von Kindern stehen.
Dieses Buch geht genauso auf die Fragen und Sorgen von Kindern ein wie das vorangegangene, aber es erklärt auch rechtliche Dinge rund um den Scheidungsprozess. Zum Beispiel wird das Trennungsjahr vor der Scheidung beschrieben und die verschiedenen Betreuungsmodelle oder auch der Kindesunterhalt und einiges mehr werden erläutert.
Illustriert ist das Buch von Meike Töpperwien. Gezeigt werden vor allem Köpfe von Menschen und insbesondere von Kindern, die die Gefühle, die gerade herrschen, ausdrücken. Ich finde diese Illustrationen, die die Seiten auch optisch auflockern, sehr gelungen, denn auch hier werden die Betroffenen in den Vordergrund gerückt.
Auch dieses Buch kann ich euch absolut empfehlen. Es geht ehrlich und schonungslos mit dem Thema Scheidung und Trennung um, klärt nicht nur viel auf, sondern lässt vor allem auch betroffene Kinder selbst zu Wort kommen. Es gibt übrigens auch Tipps für Eltern, die sich trennen, aus Sicht der Kinder.

Vorsicht, frisch geschieden! Ein Survival-Buch für Trennungskinder von Frauke Angel und Meike Töpperwien, Klett Kinderbuch, ISBN: 978-395470-278-7
Bilderbuch “Jakob kann zaubern”
Das dritte Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, ist ein Bilderbuch: „Jakob kann zaubern“. Es ist eine Geschichte und kein Sachbuch, aber dennoch werden auch hier die Gefühle von Kindern in dieser Situation ernst genommen.
Zentral ist in dieser Geschichte ebenfalls die Annahme von Kindern, dass sie Schuld an der Trennung sind. In diesem Fall spielt noch das magische Denken von Kindern, das im Kindergartenalter typisch ist, ebenfalls eine Rolle.
Jakob verkleidet sich als Zauberer mit Zauberstab. Auf dem Weg zum Kindergarten klappt es auf erstaunliche Weise immer wieder, dass er etwas verzaubert. Kaum schwingt er den Zauberstab springt die Ampel auf grün und die Bahnschranken öffnen sich.
Abends erfahren die Kinder, dass Papa wegziehen wird. Jakob befürchtet, dass auch hier seine Zauberkräfte gewirkt haben. Als er am Morgen richtig sauer auf Papa war, hat er sich nämlich gewünscht, dass Papa ganz weit weg wäre.
Wichtige Botschaft: Kinder tragen keine Schuld an einer Trennung
Als er seine Befürchtung laut ausspricht, wird ihm mehrfach versichert, dass er keine Schuld hat und dass beide Eltern die Kinder weiterhin lieb haben. Dabei werden seine Zauberkräfte nicht allgemein negiert, sondern es wird gesagt, dass diese nur bei Sachen und niemals bei Menschen wirken. Die Kinder haben nichts damit zu tun, dass sich die Eltern trennen. Dies wird von beiden Elternteilen betont.
Es ist ein Bilderbuch für Kinder ab 3 Jahren, so dass hier natürlich nicht alle Aspekte einer Trennung zum Tragen kommen können. Aber das allerwichtigste und eine der größten Sorgen von Kindern wird angesprochen. Dabei wird auch die kindliche Wahrnehmung und das magische Denken miteinbezogen, so dass es sich durchaus um eine authentische Situation handelt. Das Buch macht darauf aufmerksam, was in Kinderköpfen in diesem Alter vor sich gehen kann, und es gibt Kindern die wichtige Botschaft mit auf den Weg, dass sie für diese Situation absolut gar keine Verantwortung tragen.
Die lebendigen Bilder von Tine Schulz zeigen, wie großartig sich Jakob als Zauberer fühlt, aber auch wie klein, hilflos und verzweifelt er ist, als er von der Sache mit der Trennung erfährt.
Gerade für jüngere Kinder kann dieses Bilderbuch sehr entlastend sein. Es bietet auch die Möglichkeit die eigene Situation noch einmal aufzugreifen und ebenfalls zu betonen, dass Kinder niemals die Schuld daran tragen.

Jakob kann zaubern von Ute Steffens und Tine Schulz, Carlsen Verlag, ISBN: 978-3-551-52256-6
