Rezension: Lilly, die Lesemaus

Wer öfter mal etwas von mir hier liest, der weiß sicherlich, dass ich ein Fan der Edition Pastorplatz bin. Ganz besonders toll finde ich, dass der Verlag nun auch neben Bilder- und Kinderbüchern ein erstes Erstlesebuch herausgebracht hat: „Lilly, die Lesemaus“. Das ist eine schöne Erweiterung des Verlagprogramms und ich war sehr gespannt, wie das Erstlesekonzept hier umgesetzt wurde.

Ein gutes Erstlesebuch

Vieles, was ein gutes Erstlesebuch ausmacht, findet man in diesem Buch wider:

Die Schriftgröße und der Zeilenabstand entspricht den üblichen Kriterien eines Erstlesebuchs. Allerdings ist zu beachten, dass es Erstlesebücher für verschiedene Stadien beim Lesen lernen gibt. Hier handelt es sich schon um ein Buch für fortgeschrittene Erstleser, die bereits zusammenhängende Texte selber erlesen können.

Die Zeilenlänge ist gerade noch so in Ordnung, Absätze gibt es recht wenig und man muss sagen, dass die Textmenge pro Seite für ein Erstlesebuch schon recht hoch ist. Positiv hingegen ist aber, dass hier kein Blocksatz verwendet wurde und es somit auch keine Worttrennungen am Zeilenende gibt, die Erstleser sehr irritieren können und die tatsächlich in manchen Erstlesebüchern vorkommen.

Farbige Schrift kennzeichnet Sprecher

Darüber hinaus erleichtert auch die farbige Schrift bei wörtlicher Rede das Verständnis beim Lesen, denn jeder Sprecher hat eine andere Farbe. Gerade Erstleser haben während des Lesens noch nicht so viel Überblick über den Text und können häufig noch nicht vorausschauend lesen. Durch die farbige Zuordnung wissen sie aber bereits beim Lesen, dass hier jemand spricht und wer es ist. Ansonsten ist es für die jungen Leser einfacher, wenn die Redebegleitsätze der wörtlichen Rede vorangestellt werden. Das gleicht sich hier aber durch die Farbe auf jeden Fall wieder aus. Hier hätte man aber vielleicht auch noch ein wenig mehr mit neuen Zeilen und Absätzen arbeiten können.

Auf allen Seiten findet man farbige Illustrationen, durch die die Kinder nicht vom Text erschlagen werden.

Auch sprachlich handelt es sich hier insgesamt um ein Erstlesebuch. Die Geschichte wird in einer verständlichen Sprache linear erzählt. Die Sätze sind relativ kurz, aber keineswegs monoton.

Fesselnder Inhalt

Und nun komme ich natürlich auch noch zum Inhalt selber und der gefällt mir sehr gut. Oft leidet bei einem Erstlesebuch, das so viele sprachliche Kriterien beachten muss, unter dem Inhalt, was hier aber nicht der Fall ist. Der Inhalt gefällt mir so gut, dass man dieses Buch auch durchaus Kindern, die es nicht selber lesen möchten oder noch nicht können, auch vorlesen kann. Es ist ein Buch, das Kinder fesselt und ihnen Spaß macht.

Lilly und Nele sind Schwestern. Nele ist die große Schwester und kann fast alles besser als Lilly. Besonders für ihre Lesekünste wird sie belohnt und bekommt dafür sogar ein Haustier geschenkt. Lilly findet das alles sehr ungerecht. Sie möchte ebenfalls ein Haustier haben und so beschließt sie, ganz schnell lesen zu lernen. Da sie eben auch bemerkt, dass das nicht so einfach ist, lernt sie einfach den Anfang eines Buches auswendig, den sie dann ihren Eltern und der Schwester präsentiert. Blöd nur, dass ihr kleiner Trick herauskommt. Am Ende lernt Lilly dann aber doch noch mit Unterstützung ihrer Schwester lesen.

Das Thema Lesen lernen ist natürlich höchst aktuell bei Erstlesern und viele kennen die Mühen, die das Lesen lernen mit sich bringt. Auch wissen die Kinder noch, wie sie sich selber darauf gefreut haben, endlich selber lesen zu können. Über das Lesen hinaus, beinhaltet das Buch aber auch noch ein weiteres Thema und das ist die Geschwisterbeziehung, zu der Eifersucht, aber auch gegenseitige Unterstützung gehört. Beide Themen wurden hier sehr schön verarbeitet.

Das Buch ist gut geschrieben. Man ist schnell drin in der Geschichte und kann vor allem Lillys Gefühle sehr gut nachvollziehen. Außerdem möchte man natürlich wissen, ob Lilly es schafft, so wie ihre Schwester lesen zu lernen und ob sie dann ebenfalls ein Haustier bekommt.

Ein Haustier als Belohnung?

Mir gefällt die Idee des Buches und auch die Umsetzung insgesamt. Ich möchte es auf jeden Fall an alle weiter empfehlen, die keine Lust mehr auf die immer gleichen Erstlesereihen haben und nach etwas anderem suchen, dass ihren Kindern Spaß am Lesen vermittelt. Dennoch habe ich auch ein paar kleinere Anmerkungen: Zum einen gefällt es mir nicht, dass Nele für ihre Lesekünste mit einem Haustier belohnt wird, denn meines Erachtens sollte man Tiere nicht aus einem solchen Grund verschenken (vor allem, wo man sich scheinbar vorher überhaupt keine Gedanken über die Art des Haustiers und seine Haltung etc. informiert hat), und zum anderen erscheint mir das Verhalten der Eltern ein wenig übertrieben. Ja, Lilly hat sich einen Trick überlegt, um ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie lesen kann, aber sie so als Lügnerin darzustellen, passt für mich nicht so ganz zur Situation. Andererseits erhöht sich dadurch natürlich die Dramatik. Mein Sohn fand die Eltern so gemein, dass er sich nach der Szene in dem Buch verstohlen die Tränen aus den Augen wischte, und als ich das sah, noch wütend über die blöden Eltern schimpfte. Insgesamt sind mir die Eltern in dem Buch aber auch nicht gerade sympathisch und sie verstehen vor allem überhaupt nicht, was in ihrer Tochter vorgeht. Da reagieren sie an einigen Stellen recht unsensibel.

Lesen lernen etwas einfach dargestellt

Der Prozess des Leselernens wird für mich hier auch ziemlich vereinfacht dargestellt. Vor allem hilft gerade das Alphabet-Lied nicht unbedingt beim Lesen lernen, da hier die Buchstabennamen und nicht ihre Laute, die man beim Erlesen eines Wortes aber braucht, genannt werden. Erstaunlich finde ich auch, dass Lilly das erste Mal im Sams-Buch richtig liest. Das ist ja doch eher kein Buch für Leseanfänger. Auch dass sie beim Buchstabensuppe essen Wörter wie „See“ mit zwei „e“ legen, ist vielleicht etwas übertrieben. Überhaupt hat Lilly das Lesen dann doch sehr, sehr schnell gelernt.

Mein Sohn fand es aber toll, dass einige Bücher von Paul Maar in dem Buch genannt wurden und er vermutet, dass die Autorin Paul Maar-Fan ist.

Genaue Jahreszeiten, Wochen oder ähnliches sowie Altersangaben bekommt man in dem Buch nicht. Es scheint aber so, dass Nele in die Schule geht, und Lilly ist ein Jahr jünger. Auf den Bildern gibt es aber Kalenderdaten zu sehen. Für mich passen diese aber nicht so ganz zur Geschichte, denn wenn man nach den Daten dort geht, war Nele spätestens Ende Oktober/Anfang November eine richtige Leseratte und konnte vor dieser Zeit ein Gedicht in der Schule noch nicht richtig vorlesen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass zu einem so frühen Zeitpunkt in einer ersten Klasse von Kindern verlangt wird, ein Gedicht laut vorzulesen. Das ist aber natürlich nur ein ganz kleiner Punkt am Rande, der Kindern auch überhaupt nicht auffallen wird und das Buch in seiner Gesamtheit nicht abschwächt.

Toll: Mädchen mit blauer Latzhose

Die Bilder an sich sind natürlich wieder toll. Hauptsächlich sieht man Lilly, Bücher und ihre Schwester auf ihnen. Hintergründe und Räumlichkeiten sieht man nicht, dafür aber viele Emotionen. Und ganz besonders toll ist, dass Lilly keine typische Mädchenfrisur hat und eine blaue Latzhose trägt. Sie darf neben Barbies mit verschiedener Hautfarbe sowohl im Text als auch in den Bildern auch mit Legosteinen spielen. Nele hat zwar Zöpfe, aber auch sie kommt ganz ohne pink und rosa aus, um ein fröhliches Mädchen zu sein.  Ja auch so sind Mädchen und mit solchen Mädchen in Kinderbüchern haben auch Jungs keine Probleme.

Fazit: Edition Pastorplatz kann auch Erstlesebücher machen! „Lilly, die Lesemaus“ ist ein toller Anfang und ich hoffe, dass es noch weitere geben wird.

Lilly, die Lesemaus von Asja Bonitz und Mele Brink, Edition Pastorplatz, ISBN: 978-3-943833-27-0, 12€

Hinweis: Das Buch erscheint Anfang Juli!

 

 

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